Flutkatastrophe 2002

 

Flutkatastrophe vom 12./13.08.2002

 

 

(Ein Bericht von Bernd Reichmann - Ortsvorsteher OT Rothenthal)

 

 

Am 12. und 13. August 2002 ereignete sich bei uns in Rothenthal die schlimmste und wohl folgenschwerste Flutkatastrophe an die sich die Menschen erinnern können. Die Wasserstände übertrafen bei Weitem die Hochwasserpegel der Flutkatastrophen von 1932 und 1954. Auch die Schäden an Gebäuden, Grundstücken, Straßen und Brücken sind um ein Vielfaches höher als bei den vorstehend genannten Schadensereignissen. Die an zwei Tage durch unseren Ort rasende Flutwelle der Natzschung kam unerwartet und so plötzlich, dass man sich nicht auf diese Katastrophe vorbereiten oder Sicherungsmaßnahmen hätte treffen können.   

 

 

Was war geschehen ?

 

Das Regentief „Ilse“, welches von Italien nach Deutschland kam, bescherte uns in der Nacht zum Montag, dem 12.08.2002, gegen 03.00 Uhr sehr starke Niederschläge. Die Niederschlagsmengen (Montag - 116 Li / m²) waren an diesem Tag so stark, dass die Einläufe an den Straßen die Wassermengen kaum fassen konnten. Gegen 06.30 Uhr ließ der Regen langsam nach. Etwa eine Stunde später setzte abermals sehr starker, gewittriger Regen ein. Bei Kontrollfahrten zum Ortsteil Blumenau war schon an mehreren Stellen die Blumenauer Straße überflutet. In der Ortslage von Blumenau und Reukersdorf waren die Feuerwehren schon im Einsatz, um den Wassermassen Herr zu werden. Aus kleinen unscheinbaren Bächen waren mittlerweile reißende Gewässer geworden, die alles mit sich nahmen, was nicht fest verankert war. Bei der Fahrt nach Rothenthal sah man überall ausrückende Feuerwehrfahrzeuge. Als ich im Ort Rothenthal ankam, war die Fahrt an der Talstraße vor dem Sägewerk Gröschl beendet, da hier bereits die Straße ca. 40 cm hoch überflutet war. Die „Natzschung“ war gegen 09.00 Uhr am Grundstück Weigelt und Göhlert über die Ufer getreten und das Wasser lief nun ungebremst die Talstraße entlang. Damit wurde die Talstraße für Fußgänger und Fahrzeuge unpassierbar. Um in den Ort zu gelangen, blieb nun nur die Fahrt über den Waldweg „Sedanweg“. Dieser Waldweg führt ca. 100 m höher gelegen am Ort vorbei. Der Weg war schlammig und die Fahrt gefährlich, da aus dem Wald an vielen Stellen kleinere Bäche zu Tal stürzten. Dennoch bin ich gut im Oberdorf angekommen, bemerkte aber hier schon das schlimme Ausmaß der Unwetterkatastrophe. Am Wohnhaus Ruhnow, Talstraße Nr. 14 (ehem. Ulbricht-Villa) kam das Natzschungwasser durch den Hof und überflutete die Straße. Von hier aus und hinter dem Grundstück Göhlert (Talstraße 22) floss das Wasser ungehindert ca. 80 cm hoch die Talstraße entlang durch den Ort. Das Wasser nahm alles mit, was sich ihm in den Weg stellte. In den Fluten schwammen Holzbalken und Stämme uvm. Auch Autos, die noch versuchten, die Straße zu befahren blieben stecken und wurden weggespült. Die Wassermassen waren so reißend, dass es lebensgefährlich gewesen wäre zu versuchen, über die Straße zu kommen. Einigen Grundstücksbesitzern war es deshalb nicht möglich in ihre Häuser zu kommen und diese mussten deshalb bei Bekannten auf der sicheren Seite des Oberen Weges übernachten. Der Niederschlag war sehr intensiv, gemessen wurden 116 Liter / m² am Montag und 128 Li. / m² am Dienstag und dieser Regen hielt unvermindert an. Die durch den Ort rasende Flutwelle drückte Türen und Fenster von Gebäuden ein, so dass das Wasser in die Erdgeschosswohnungen und Keller gelangen konnte. Die Einwohner bemühten sich mit aller Kraft, die Schäden so gering wie möglich zu halten. Es wurden Wohnungen geräumt Sandsäcke geschleppt, Türen verbarrikadiert, Gastanks gesichert und alles, was man sonst in solchen Situationen tun könnte getan. Aber es war eigentlich ersichtlich, dass alles, was man tat, sinnlos war, da das immer wieder nachdrückende Wasser nicht beherrschbar war. Jeder Grundstückseigentümer versuchte verzweifelt Wohnungsgegenstände in höher gelegene Räume zu transportieren. Die Freiwillige Feuerwehr half, wo sie konnte, aber Pumpen einzusetzen war ebenfalls sinnlos. Der Feuerwehrmann Roland Wolf, sein Sohn und die Nachbarn bewachten und reinigten fast 24 Stunden lang den Einlauf an der Hohle (Weg am Wald), in welchem die Wassermassen mit Geröll aus dem Wald einflossen. Hier war die Gefahr sehr groß, dass es bei einer Verstopfung und Überflutung des Einlaufes zu Hangrutschungen kommen könnte, dies ist letztlich auch geschehen. Der gesamte Ort war durch die Sperrung der überfluteten Talstraße in Richtung Olbernhau und in Richtung Rübenau von der Außenwelt abgeschnitten. Es war nicht möglich mit einem PKW die bis 80 cm überflutete Talstraße zu befahren. PKW-Fahrer, die es versucht hatten, verloren ihre Autos in den Fluten. Fieberhaft versuchten die Grundstücksbesitzer zu retten, was zu retten war. Am Montagnachmittag kam die Nachricht, dass einige Flüssiggastanks in den Grundstücken umherschwammen. Der Gastank am Grundstück von Christine Dittrich, der sich durch den Auftrieb gedreht hatte, war leckgeschlagen. Wegen des ausströmenden Gases wurde Gasalarm ausgelöst und ca. 10 Häuser wurden in der näheren Umgebung evakuiert. Die Bewohner gingen zu Bekannten oder wurden nach Olbernhau ins FFW-Gerätehaus gebracht. Die Familie Breitfeld (3 Personen) und die Familie Siegfried Prockl wurden evakuiert und mit dem Feuerwehrfahrzeug zum Seniorengebäude gefahren und dort untergebracht. Da es sich hier vorwiegend um ältere Personen (ca. 75 Jahre) gehandelt hat, war dies besonders schwierig. Mittlerweile war es Abend geworden aber die Evakuierten hatten weder ein Bett noch zu essen. Glücklicher Weise funktionierte die Heizung und der Strom war vorhanden. Meine Frau machte zwei Klappbetten und Decken zurecht, damit sich wenigsten die zwei älteren Frauen hinlegen konnten. Das größte Problem war die Außentoilette, welche die älteren Frauen, eine an zwei Stöcken gehend, wegen des hohen Wasserstandes nicht erreichen konnten. In der Hinsicht der Notdurftverrichtung mussten wir erfinderisch sein, so wie es wohl vor vielen hundert Jahren einmal war. Draußen fiel weiter unaufhörlich starker Regen, der sich in der 2. Nacht, der Nacht zum Dienstag, noch verstärkte. Gegen 21.00 Uhr bemerkt ich, dass im evakuierten Wohnhaus von Siegfried Prockl das Licht noch brannte und das Wohnzimmerfenster bei starkem Regen offen stand. Ich holte S. Prockl vom Notquartier (Seniorenclub) ab, um das Licht zu löschen und das Fenster zu schließen. Um an das Haus an der Talstraße zu kommen, musste ich in das reißende Wasser auf der Talstraße fahren. Ich wusste nicht, ob das Fahrzeug das aushalten würde, aber es ging gut.

Ruhelos, nur mit wenigen Stunden Schlaf, fuhr ich nachts auf dem Oberen Weg hin und her, um immer über das Wichtigste informiert zu sein. Gut war es da, dass das Straßenlicht funktionierte, so konnte man wenigstens die Situation im Auge behalten. Mehrmals suchte ich R. Wolf am Einlauf des Oberer Weges auf, kontrollierend, ob der Einlauf funktioniert. Die Wassermassen aus dem Wald hatten mittlerweile ca. 5,0 m unterhalb des Einlaufes ein Kanalrohr zerstört, so dass nunmehr das Wasser unkontrolliert das Grundstück von G. Weiß und nachfolgend der Obere Weg überflutet wurde. In der Folge der ständigen Durchnässung lösten sich an zwei Stellen der Hang (am Wohnhaus Reichmann Nr. 13 und am Wohnhaus G. Weiß Nr. 17) und stürzte in Richtung der Talstraße. Die Hangrutschung am Oberen Weg Nr. 17 verschüttete den Werksgraben vollständig. Gegen 03.00 Uhr (Dienstag 13.08.2002) fiel die Straßenbeleuchtung aus, da der Strom abgeschalten wurde. So saßen nun die evakuierten Bürger im dunklen Seniorenclub. Ich legte mich für kurze Zeit aber mit einem unruhigen Gefühl hin, da es draußen stockdunkel war und man sowieso nichts sehen konnte. Gegen 03.30 Uhr klingelte das Telefon und ich erhielt den Auftrag, die Kirche als mögliches Evakuierungslager bereitzuhalten. Ich suchte die schlüsselgewaltige Familie für die Kirche auf, wurde aber wegen des Stromausfalls (Klingel ging nicht) nicht gehört. Somit kehrte ich unverrichteter Dinge wieder um. Der Ort lag im Dunklen und man hörte nur das Tosen der Natzschung und gelegentlich ein Notstromaggregat, welches den Pumpenbetrieb sicherte. Die ganze Nacht hatte es weiter intensiv geregnet. Im Morgengrauen sah man, dass der am Abend gefallene Wasserstand wieder gestiegen war und von Entwarnung keine Rede sein konnte. Nachbarn versorgten die Evakuierten fünf Personen im Seniorenclub, wenngleich das nicht einfach war, da man wegen des Stromausfalls keine Heiz- und Kochgelegenheit betreiben konnte. Gut war man dran, wenn im Haus noch ein Holz-, Kohle-, oder Gasherd vorhanden war.

Am Morgen des Dienstags erfuhr ich, dass ein Bürger unseres Ortes am Montag einen Herzinfarkt erlitten hatte und daran verstorben war. Er ist nicht durch die Fluten ums Leben gekommen, aber die Aufregung und die Ängste werden wohl die Ursache gewesen sein. Nachdem es hell geworden war, versuchte ich die Lage im Ort zu erkunden und stellte starke Schäden an Gebäuden, Straßen, Geländern und Ufermauern fest. So waren mittlerweile die Fundamente der Turnhalle unterspült und die Rückwand teils nach innen und teils in den Fluss gestürzt. Das Dach begann sich zu neigen und drohte einzustürzen. Die Natzschung ergoss sich wie am Tag zuvor in gleicher Intensität mit enormer Kraft im und neben dem Flussbett. Wir, die wir auf eine Entspannung gehofft hatten, waren schockiert. Vieles, was den ersten Tag überstanden hatte, wurde nun am zweiten Tag zerstört. Die Tränen standen den Leuten in den Augen, erschüttert über das, was sie sahen. So fiel z.B. die Scheune der Familie Göhlert an diesem Tag den Fluten zum Opfer. Am Dienstagnachmittag zeigte sich eine leichte Entspannung, denn der Regen ließ nach und der Wasserpegel sank. Ein Befahren der Talstraße mit dem PKW war dennoch nicht möglich. Nur die Feuerwehr konnte mit ihren Fahrzeugen die ca. 60 cm hohen Fluten durchfahren. Sie war es auch, die am Abend die evakuierten Familien, Prockl und Breitfeld, wieder in ihre Häuser brachten. Der Gasalarm war aufgehoben, jedoch die Gastanks standen unter Beobachtung. Die Rothenthaler Feuerwehr begann in beherzten und nicht immer mit dem Arbeitsschutz zu vereinbarenden Aktionen umgestürzte Bäume aus der Natzschung und von der Talstraße zu bergen. Gut war es da, dass wir einen Autokran der Fa. Peetz zur Verfügung hatten, der bei der Beseitigung der Bäume problemlos einsetzbar war. Als sich das Wasser langsam zurückzog, wurde das ganze Ausmaß der Verwüstung erst richtig sichtbar. Überall sah man Holz, Müll und Schlamm. Gartenzäune gab es in der Regel nicht mehr, nur an wenigen Stellen waren noch Reste von Umzäunungen zu sehen. Die Talstraße war an vielen Stellen zerstört. Der Bitumenbelag wurde großflächig weggespült und selbst in der Straße waren tiefe Krater zu sehen. Am Donnerstag, dem 15.08.2002, war das Wasser der Natzschung so weit gesunken, dass es im alten aber auch im neugebildeten Flutbett abfloss. Entlang der Natzschung konnte man sehen, dass nur noch stückweise Ufermauern die Flut überstanden hatten. Man kann fast sagen, dass die gesamten Mauern und Böschungen im Ort beschädigt und unterspült wurden.

Mit dem zurückgehenden Wasser begannen die Einwohner und zahlreiche Helfer mit den Aufräumungsarbeiten. Die Bundeswehr war mit 25 Soldaten angerückt und begann mit der Beseitigung von Abflusshindernissen. Die Firma Timmel aus Rübenau begann mit Lader und LKW mit der Entfernung der Schlammmassen im Ort. Zwischenzeitlich trafen noch mehrere Feuerwehren (Plauen, Chemnitz, Hilmersdorf, Olbernhau usw.) zur Unterstützung der Rothenthaler Feuerwehr ein. Auch DRK- und Katastrophenhilfszüge aus den alten und neuen Bundesländern, wie z.B. Alsfeld und Annaberg legten Hand bei der Beseitigung der Schäden an. Ob Mann ob Frau, jeder half so gut er konnte. Das Arbeitsamt stellte zusätzliche Kräfte für die Aufräumungsarbeiten bereit. An den Straßen wurde alles abgelagert, was aus den Grundstücken an Unrat geborgen wurde. Meterhoch waren die Sperrmüllhaufen, bestehend aus Hausrat und komplett zerstörtem Mobiliar. Die Straße im Ort war nur eingeschränkt befahrbar, da die Straße nach Rübenau gesperrt war. Die Verkehrssituation war katastrophal, da wegen der Beräumung viele LKWs, Bagger und Lader die Straße zusätzlich versperrten. Anfangs hatten wir natürlich auch mit den Neugierigen unsere Probleme, die zusätzlich für Stau sorgten. Hier haben wir schnell die Polizei eingeschaltet und Abhilfe geschaffen.

An den Gebäuden konnte man nun auch das Ausmaß der Schäden erkennen. Die Familie Kaden / Bräuer Talstr. 53, die Familie Schirmer Talstr. 51 und Frau Gabi Seifert Talstr. 57

zogen aus ihren beschädigten Gebäuden aus. Ob die Häuser aufgrund der Schädigung wieder nutzbar sind oder abgebrochen werden müssen,  muss ein Gutachter entscheiden.

Auch das Gebäude von Hannes Schaller (ehem. W. Prockl) muss man als unbewohnbar bezeichnen. Viele Erdgeschosswohnungen mussten ausgeräumt, die Fußböden entfernt und der Putz abgehackt werden. In die völlig durchnässten Räume mussten Entfeuchtungsgeräte aufgestellt werden, um eine rasche Trocknung zu erreichen.

 

Der Landrat, Herr Kohlsdorf, und der Bürgermeister, Herr Dr. Laub, waren bei uns vor Ort, um sich ein Bild vom Ausmaß der Schäden zu machen. Der Bürgermeister, Dr. Laub, beauftragte mich mit der Koordinierung der Aufräumungsarbeiten. Der Landrat stellte uns zur Schadensbeseitigung den Baubetrieb Tiefbau Schröder und den Forstbetrieb Mehner zur Verfügung. Diese Firmen wurden umgehend in die Beräumungsarbeiten eingebunden. Die Firma Schröder begann mit der Sperrmüllabfuhr im Ort. Die Firma Mehner barg das Holz aus der Natzschung und von den Grundstücken. Der Fuhrbetrieb Timmel aus Rübenau war mit der Schlammabfuhr beauftragt.    

 

Am späten Abend des Donnerstags (21.00 Uhr) kam die Feuerwehr aus Plauen-Weischlitz und begann noch mit den Beräumungsarbeiten am Grundstück Thürasch und Kaden. Der Einsatz erfolgte mit Scheinwerfern bis 23.00 Uhr und am nächsten Tag ging es weiter. Die Rothenthaler Feuerwehr kümmerte sich indes um das Auspumpen der Keller im Ort. 

Zwischenzeitlich waren auch die ersten zwei Kettenbagger der Oberflussmeisterei eingetroffen, welche das Flussbett der Natzschung ausbaggern sollten. Ihre Aufgabe bestand darin, den Wasserabfluss erst einmal wieder herzustellen. In den weiteren Tagen kamen noch mehrere Feuerwehren, wie z.B. FFW Streckewalde, FFW Hilmersdorf zu Hilfe in den Ort. Die Feuerwehren spülten Schleusen und reinigten bereits geräumte Straßenabschnitte.

Wir waren überwältigt von der Hilfsbereitschaft der Mitbürger aus ganz Deutschland. Von überall her erreichten uns Hilfsangebote in Form von persönlicher Hilfe vor Ort, Sachspenden und Geldspenden. Viele der Spender nahmen hunderte von Kilometern in Kauf, um bei uns im Ort zu helfen. Aus Limburg an der Lahn trafen 5 freiwillige Helfer ein,

die eine Woche lang tatkräftig bei der Beseitigung der Schäden im privaten wie auch im kommunalen Bereich halfen. Die Limburger Freunde wurden im „Haus der Begegnung“ untergebracht. Auch vier Helfer aus Korbach-Lengefeld legten an drei Tagen bei der Schadensbeseitigung an privaten Gebäuden Hand an. Am Wochende zuvor

überbrachten diese vier und weitere Korbacher eine Hilfssendung und eine Geldspende. Die angebotene Hilfe ist gut angekommen, aber es wurde schwierig die vielen Sachspenden an den Mann zu bringen und einzulagern. Als Einlagerungsstellen wurden der Kiosk auf dem Volkheimplatz, der Seniorenclub, und ein Klassenzimmer der Schule genutzt. Viele der Geldspenden wurden an die Feuerwehr und den Ortschaftsratsvorsitzenden übergeben. Hierfür wurde den Spendern (meist Gemeinden) nach der Festlegung der Verteilung ein Verwendungsnachweis übergeben. Das die Verteilung der Spenden einige Zeit dauern wird,

wurde den Spendern mitgeteilt. Mit den vielen Sachspenden wurden auch Maler- und Baumaterial bereitgestellt, welches am 31.08.2002 und am 21.09.2002 an die Betroffenen verteilt wurde.

Der Landrat war persönlich im Ort und übergab den Geschädigten erste Bescheide als Soforthilfe (500,00 €) und sagte weitere Unterstützung durch Landesmittel zu.

Die Aufräumungsarbeiten gingen indes an den vier folgenden Wochenenden weiter, das bedeutete, dass Samstag und Sonntag voll gearbeitet wurde. Es wurden Grundstücke beräumt, Gräben und der Werksgraben gesäubert, Gehwege instandgesetzt uvm.

Die Oberflussmeisterei hatte mittlerweile drei Kettenbagger in der Natzschung zur Beräumung eingesetzt (bei der Fa. Legler, am Feuerwehrgebäude, bei der Fa. Licht- und Metallwaren).

Die vielen freiwilligen Helfer und auch ABM-Kräfte wurden bei privaten Grundstücksbesitzern eingesetzt, um so schnell als möglich Ordnung zu schaffen. Das Schwierigste war wohl, den Schlamm aus dem Grundstücken, oftmals nur per Hand und Schubkarre, zu befördern. Bis zu 80,0 to wurden aus betroffenen Grundstücken abgefahren. So allmählich bekam das Ortsbild wieder einen ansehnlichen Anblick, wenngleich die Abwasserproblematik des Werksgrabens noch nicht funktionierte. Eine Hangabrutschung mit mehreren Massenablagerungen im Werksgraben und eine nichtfunktionierende Einlaufrinne verhinderten die Wasserentnahme bzw. den Durchfluss von Spülwasser in der Ortslage. Nach ca. 5 Wochen war die Einlaufrinne durch Verlängerung wieder funktionstüchtig. Ab dem 16.09.2002 konnte wieder Wasser in den Werksgraben eingeleitet werden, musste aber am Elektrocenter Schubert (ehemals Volksheim) abgeleitet werden, da der Werksgraben hinter den ehemaligen Kindergarten verrohrt wurde. Die Turnhalle wurde von der Firma Tiefbau Schröder vom 02.09 bis 13.09.2002 abgebrochen. Ebenfalls durch diese Firma, mit Unterstützung von ABM-Kräften, setzten wir Gehwege und Straßen mit Bitumen instand. So langsam nahm unser Ortsbild wieder eine normale Ansicht an. Am 15.09.2002 luden wir die Helfer und die Flutopfer zum gemeinsamen Grillen auf den „Volksheimplatz“ ein.

 

Mit einem Brief wandten wir uns an den Sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt und an die Landestalsperrenverwaltung um die Ängste der Einwohner aufzuzeigen.

 

 

Auszug aus dem Brief:

 

Unser Land Sachsen wurde am 12. und 13. August 2002 von der schlimmsten Flutkatastrophe heimgesucht an die wir uns erinnern können. Selbst beim Nachschlagen in historischen Zeitdokumenten ist erkennbar, dass die Flutkatastrophe vom 12. und 13. August 2002 alle bisherigen Schadenereignisse vergangener Jahre bei weitem übertroffen hat. Unser Ort Rothenthal, den die Einwohner in mehr als fünf Jahren Dorferneuerung (Programmdorf) in ein schmuckes Dörfchen verwandelt hatten, wurde binnen weniger Stunden von den Wassermassen  der „Natzschung“ in großem Maße zerstört. Entlang der „Natzschung“ wurden in der Ortslage ca. 70 Gebäude überflutet und erheblich beschädigt. Drei Gebäude wurden so stark beschädigt, dass ein Abbruch unvermeidlich sein wird.

 

Sie haben sich am Samstag, dem 24.08.2002 mit der CDU Vorsitzenden, Frau Merkel, ein Bild von den Verwüstungen der Stadt Olbernhau und unseres Ortsteils Rothenthal machen können. Die Einwohner haben zwischenzeitlich mit Hilfe vieler freiwilliger Helfer das Gröbste an Schlamm und Müll beseitigt. Jetzt beginnen die Grundstückseigentümer mit der Sanierung und Reparatur ihrer Gebäude.

 

Die Oberflußmeisterei ist derzeit bei der Beräumung des Flussbettes um den notwendigen Wasserabfluss zu sichern. In der gesamten Ortslage wurden die Ufermauern zerstört, so dass ein Hochwasserschutz für die Einwohner und ihre Gebäude nicht mehr gewährleistet ist. Das die „Natzschung“ eines der Gewässer mit der größten Fliessgeschwindigkeit Sachsens ist dürfte bekannt sein.

In der am 30.08.2002 durchgeführten Einwohnerversammlung wurden die Ängste der Einwohner bezüglich der ungesicherten Uferbereiche deutlich und umgehende Baumaßnahmen zur Ufersicherung gefordert. Mit Sorge beobachten wir dabei die bürokratischen Absprachen mit der Tschechischen Seite, wo es z.B. in diesem Jahr eine Baumaßnahme an der „Natzschung“ gab deren Sinn die Einwohner nicht verstehen. Der Hochwasserschutz für unsere Einwohner vor den Gewalten der „Natzschung“ erfordert schnelles Handeln. Nur durch die zügige Errichtung von Ufermauern in der Ortslage kann zukünftig Schaden vermieden werden. Ebenso müssen schnellstens Gespräche mit der Tschechischen Regierung erfolgen, damit mit Bäumen bewachsene und von Schadholz versperrte Freiflutflächen wieder hergestellt werden.

 

Wir erwarten Hilfe und schnelle Entscheidungen unserer Landesregierung für einen zügigen Baubeginn. Wir verweisen darauf, dass die jetzige Gewässerberäumung nur ein Provisorium darstellt und keinesfalls Schutz vor den jährlichen Hochwassern zum Jahresende mit seinen Eisfahrten und den Gefahren der Schneeschmelze im Frühjahr bietet. Die Verantwortung für den Grenzfluss „Natzschung“ trägt der Freistaat Sachsen und davon erhoffen wir uns die dringende Hilfe für die Sicherheit unserer Einwohner.

 

 

nach mehreren Wochen:

 

Die Wochen vergingen und die Betroffenen Einwohner waren mit den Reparaturen an ihren Grundstücken und Gebäuden beschäftigt. Zum größten Teil konnten die Leute ihre Wohnungen lüften, da die Temperaturen sehr sommerlich waren. Aber die in den Mauern steckende Nässe wich nur sehr zögerlich. So mussten oftmals Entfeuchtungsgeräte aufgestellt werden um den Prozess zu beschleunigen. In vielen Häusern musste der Fußboden entfernt und der Putz in den Erdgeschosswohnungen abgeschlagen werden, um nach dem Austrocknen neu verputzen zu können. Im Bereich der Natzschung wurde das Abflussprofil notdürftig von Baggern der Oberflussmeisterei wieder hergestellt. Zur schnellen, von Herrn Rasche versprochenen Uferbefestigung, in Form von Mauern, kam es jedoch bisher noch nicht. Zur Videovorstellung „Die Macht der Natzschung“ am 14.10.2002 musste ich verkünden, dass die Ufersicherung bisher an der Haltung der tschechischen Seite  scheiterte. Die Vertreter Tschechiens bestehen auf die Wiederherstellung des genauen Grenzverlaufes, somit ist eine schnelle und kurzfristige Ufersicherung auf der Deutschen Seite nicht möglich. Dieses Verhalten, die Ungewissheit und das Warten, macht die Einwohner nervös und aggressiv. Einige der leergezogenen Häuser werden wohl aus den

o. g. Gründen nie wieder bezogen werden. Denn nur eine Aussage zur Uferbefestigung gibt den Grundstückeigentümern die Sicherheit in ihre Grundstücke zu investieren. Mit Abbruchgedanken tragen sich die Eigentümer der Wohngebäude Talstraße 51 (Klaus Schirmer) und Talstraße 53 (Kaden). Das Wohnhaus Talstraße 51 (Seifert Gaby) wurde leergezogen. Christine Dittrich Talstraße 70 hat sich entschlossen, ihr Wohnhaus zu verkaufen. Sollte sich die Ungewissheit bezüglich der Ufersicherung noch länger hinziehen, könnten auch noch andere Grundstückseigentümer und Mieter über einen Wegzug nachdenken.

Dass die  Natzschung im Laufe der Jahre immer mehr eingeengt wurde, wissen wir, deshalb wird versucht, dort, wo es möglich ist, einen Rückbau vorzunehmen. Aus diesem Grunde wurde auch die vom Hochwasser stark geschädigte Turnhalle im September 2002 abgebrochen, um der Natzschung wieder ihren Raum zu geben.

Das Wasser des Werksgrabens konnte jedoch auch im Oktober noch nicht durch den Ort geleitet werden, da die Firma Tiefbau Schröder hinter dem ehemaligen Kindergarten (Talstraße 34) den Graben verrohrte. Die Verrohrung wurde erwogen, da sich eine Schlammlawine in den Graben ergossen hatte und weitere Abgänge nicht auszuschließen sind.

 

Die Straße nach Rübenau war bis zum 05.12.2002 noch gesperrt, da es zu der schnellen und unbürokratischen Auftragsvergabe nicht gekommen war. Das Straßenbauamt hatte die vom Landrat im August verkündete freihändige Auftragsvergabe nicht durchgeführt und somit ist abzusehen, dass die Straße als Provisorium erst sehr spät befahrbar sein würde.

Am 06.12.2002 wurde die Straße nach Rübenau mit drei eingeschränkten Baustellen wieder freigegeben. Im Frühjahr 2003 wird die Straße abermals gesperrt werden, um die Schadstellen fachgemäß zu beseitigen.

 

Ende Oktober begann die Baufirma STRABAC im Niederdorf an den Flurstücken 114 L,

114/6 und 114/7 und  mit dem Bau der Uferböschung als temporäre Wintersicherung. In der Ortsmitte begann die Baufirma Hinkel aus Pockau mit Ufersicherung mittels Bagger und großen Wasserbausteinen. Im November wurde eine weitere Baufirma, die Firma Schiefer aus Cranzahl, mit dem Mauerbau am Grundstück Spaeta (Flurstück 36/1) beauftragt.

Drei Planungsbüros wurden zur Abgabe einer Planungsstudie bis Dezember 2002 gebeten, um daraus die machbarste Lösung einer Ufersicherung abzuleiten. Das Planungsbüro RMD-Consult GmbH aus Unterföhrig bei München wurde ausgewählt und mit der Vorplanung beauftragt. Vor der Einreichung der Vorplanung bei der Talsperrenverwaltung sollen diese Planungsvorstellungen in einer Einwohnerversammlung diskutiert werden.

Von der Deponie wurden ebenfalls noch im Oktober die zwischengelagerten Schlammmassen abgefahren. Der Werksgraben am Flurstück 50/8 wurde im September-November auf ca. 120,0 m Länge von der Firma Schröder aus Paffroda verrohrt. Zusätzlich zu den Wasserschäden sorgte ein Orkan im Oktober für Sorgen und Ängste. Orkanböen sind eigentlich etwas Ungewöhnliches bei uns im Ort. In der Nacht vom  27. zum 28.10.2002 (Sonntag zum Montag) wurden drei Bäume entwurzelt und stürzten auf das Wohnhaus Talstraße Nr. 3 von Wolfgang Schmidt. Das Dach des Hauses wurde schwer beschädigt.

 

Im November waren viele der Schäden im privaten Bereich an Grundstücken schon beseitigt worden, aber so mancher Gebäudeschaden wird sich erst nach dem Winter zeigen. Die Betroffenen hatten im Laufe der vergangenen Wochen entsprechend ihrer Schäden teils Spendengelder erhalten oder die Möglichkeit, Anträge auf Zuschüsse in der Stadtverwaltung Olbernhau zu stellen. Man schätzte die Schäden in Olbernhau und den Ortsteilen auf

55,0 Mio €.

 

Nach genaueren Recherchen hatten wir in Rothenthal an der Talstraße, ca. 66 von der Flut der „Natzschung“ geschädigte Grundstückseigentümer. Dem Ortschaftsrat wurden von privaten Spendern 53.4471,88 € zur Weiterleitung an die Betroffenen übergeben. In zwei nichtöffentlichen Ortschaftsratssitzungen wurde der Verteilungsschlüssel festgelegt.

Im November wurden die Spendengelder entsprechend der Schadenshöhe an die Flutopfer ausgezahlt. Auch die vom Hochwasser geschädigte Fernsehgemeinschaftsanlage erhielt 2.500,00 € Spendengelder.

 

 

Für den Wiederaufbau unseres Spiel- und Festplatzes „Volksheimplatz“ gingen bis zum Jahresende Spenden in Höhe von 24.213,07 € auf das städtische Spendenkonto ein. Dieser Wiederaufbau des Volksheimplatzes kann aber erst nach der Uferbefestigung erfolgen. 

Der nun bevorstehende Winter zwingt uns zu einer Pause bei den Aufräumungs- und Wiederherstellungsarbeiten. Aber im Frühjahr 2003 müssen die Weichen für eine endgültige Ufersicherung der „Natzschung“ gestellt werden.

 

 

 

Rothenthal, den 15.12.2002

 

 

Reichmann

Ortsvorsteher